Die Gottesmutter Maria in der Syrischen Kirche
Deutschland, 01. November 2004 - Dipl. Theol. Sabo Hanna

Die Versammlung der Gläubigen ehrt deine Jungfräulichkeit, reine Mutter, die du voller Güte bist, weil du auf geheimnisvolle Weise das Wort Gottes geboren hast. Du Gläubige, rühme den Herrn, danke ihm, erhebe ihn und preise ihn in alle Ewigkeit.


Die Gottesmutter Maria bekommt in unserer Kirche ein hohes Ansehen und wird hoch verehrt; sie wird jedoch als ein Geschöpf Gottes betrachtet. Sie ist ein verherrlichtes menschliches Wesen, vollkommener und liebenswerter als irgendein anderer Mensch in dieser Welt. Ihr gebührt der höchste Platz und die höchste Ehre, die ein Geschöpf im Himmel erlangen kann, da sie die Mutter des Herrn ist.

In folgenden Bildern verherrlicht die Kirche die Gottesmutter: Sie heißt das geschmückte Schiff, in welchem der Messias wie ein Kaufherr lebte, der fleckenlose Palast, der den himmlischen Baumeister aufgenommen hat, die aufrichtige, reine, rechtschaffene Taufe, der Schatz aller Schätze, das goldene Gefäß, in dem Manna aufbewahrt wurde, der zweite Himmel, der heilige Berg, aus dem der Stein ohne jede menschliche Hand gebrochen wurde, die heilige Rebe, die das ewig fortbestehende Bündel Weintrauben hervorbrachte, die Gesetzestafel, die verschlossene Pforte, die der Prophet Hesekiel (44,1ff) sah, die reine, untadelige Taube, die den älteren gebar.

Kein Gebet beginnt ohne Erwähnung der Gottesmutter, keines endet ohne das "Gebet zur heiligen Gottesmutter Maria", nämlich der Gruß des Engels: "Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, unser Herr Jesus Christus. O heilige Jungfrau, Gottesmutter, bitte für uns Sünder, jetzt und immer und zur Zeit unseres Todes."

Die Empfängnis Mariens

Die syrisch-orthodoxe Kirche vertritt nicht die Lehre römisch-katholischen Kirche von der unbefleckten Empfängnis Mariens, welche sie im Jahre 1854 in der Zeit des Papstes Pius IX. definiert und zum Dogma erhob.
Nach ihrer Auffassung wurde Maria wie alle Menschen in der Erbsünde geboren. Ihre Eltern, Joachim und Hana, bekamen dieses Kind nach Zeiten des Betens, des Fastens und der Buße, jedoch gezeugt durch natürlichen menschlichen Verkehr und daher nicht frei von der Erbsünde. Wäre sie ein Mensch ohne Sünde gewesen, hätte Christus nicht in die Welt kommen müssen, um die Menschen zu erlösen; denn es hätte Maria als sündeloser Mensch genügt, um die Welt zu retten. Nur eine unbefleckte Empfängnis wird anerkannt und das ist die unseres Erlösers Jesus Christus. In der Anaphora des Severos von Antiochia heißt es: "Einer allein hat auf Erden ohne Sünde mit dem Fleisch Gemeinschaft gehabt und das Ungestüm de sündigen Begierden, das aus Fleisch entspringt, völlig entwurzelt, so dass für dieses überhaupt kein Platz war, unser Herr und Gott Jesu Christus, dein eingeborener Sohn, durch den auch wir hoffen." (Renaudot II, 328) Auch die Anaphora des Ignatius von Antiochien (+107) betont diese Auffassung: "Keiner von jenen, welche im Mutterleib getragen wurden, ist frei von den Irrtümern dieser Welt und von fleischlichen Befleckungen, außer allein unser Herr und Gott, Jesus Christus, dein eingeborener Sohn." (Renaudot II, 538). Jakob von Sarug erklärt: "Wir preisen den Heiligen Geist, der in ihr wohnte, nachdem er sie gereinigt und geheiligt hatte." Unsere Kirchenväter sehen in der Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens eine Abweichung vom apostolischen Glauben.

Maria wurde dieser Gnadenfülle erst zur Zeit der Verkündigung gewürdigt. Dies belegt auch der Engelsgruß im Lukasevangelium (Lk. 1,28). Sie wurde also erst in diesem Augenblick von der Erbsünde befreit. Die syrisch-orthodoxe Theologie erkennt es durchaus an, dass Maria frei von persönlichen Sünden war. Sie wurde durch den heiligen Geist im Augenblick der Inkarnation ihres Sohnes geheiligt.

Warum wurde Maria verheiratet?
Die syrisch-orthodoxe Kirche antwortet: 1) Um sie vor Satan zu verbergen, der versuchte, auch diese zweite Eva zu täuschen; kannte er doch aus dem Alten Testament Gottes Wort, nach dem der Sohn einer Frau ihm den Kopf zertreten würde. 2) Um sie vor der Steinigung zu retten; denn es war jüdisches Gesetz, ein Mädchen, das vor der Eheschließung empfangen hatte, zu steinigen. 3) Um Jesus in die Genealogie des Joseph, des Sohnes Davids und Abrahams, einzufügen. 4) Um ihr einen Mann als Helfer und Beschützer zu geben (Mt. 1,1-18).

Die Feste der Gottesmutter Maria in der syrisch-orthodoxen Kirche
Maria wird in der Syrischen Kirche hochverehrt, sodass sie wie kein anderer Mensch und Heiliger Feste hat. Es sind folgende Feste:
1) Die Verkündigung Mariens am 25. November und 25. März
2) Lobpreisung (auf die) Gottesmutter am 26. Dezember
3) Fest der Muttergottes über die Saaten am 15. Januar
4) Fest der Muttergottes über die Ähren am 15. Mai
5) Das Fest des Heimgangs der Gottesmutter in den Himmel am 15. August "Mariä Himmelfahrt"
6) Das Fest der Geburt der Gottesmutter Maria am 8. September

Viele der syrischen Kirchen werden nach der Gottesmutter Maria benannt. In Turabdin, dem Heimat der Aramäer (Syrer=Suryoye), genauer gesagt in Hah bei Midyat befindet sich die berühmteste Kirche der Gottesmutter. Die Fundamente dieser Kirche gehen nach Tradition der syrischen Kirche auf die Zeit Jesu Christi, der Rest wohl auf 4. oder 5. Jh. n.Chr. Sie ist die Juwel syrisch-aramäischer Kunst.

Das Fasten der Gottesmutter Maria

Durch dieses Fasten sind wir vorbereitet, das Fest Mariä Himmelfahrt zu begehen, und wir nehmen sie in diesem Fasten als Vorbild oder wir ahmen die Apostel nach, die gefastet haben, als sie verschied. Die Zeit dieses Fastens betrug 15 Tage und wurde nach dem Beschluss der Synode von Homs im Jahre 1946 auf fünf Tage reduziert. Es beginnt am 10. des Monats August und endet am 15. desselben Monats, am Festtag Mariä Himmelfahrt.

Der Patriarch Aphram I. Barsaum, -selig sei sein Andenken-, erließ ein Dekret am 7. Dezember im Jahre 1946, in dem er alle alten Tage der Fastenzeit, die für Weihnachten, die Jungfrau Maria und die Apostel, die alle im Buch Hudoyo von Bar Hebräus Erwähnung finden, neu festsetzte. Dieses wurde kanonisch, die Gläubigen richten sich danach.

Das Gedächtnis Marias sei unser Segen und ihr Gebet ein Bollwerk für unsere Seelen.
Gesegnet bist du, unser Stolz. Gesegnet bist du, haus unserer Zuflucht, die du die Mutter Gottes wurdest.
Maria sagte: "Habe ich nicht den getragen, der mich trägt und der in seiner Macht die Ende der Erde hält?"
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